df-Interview | Eva Kristin Stein
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Ein paar Fragen an ...


  Eva Kristin Stein

Berlin

E.K.Stein
Industrie- und Produktdesign, Editorial, Print,
Designwissenschaft, kulturanthropologische Forschung

 





Wie begann Dein Weg als Designerin ?

Als Achtjährige verkündete ich lauthals, dass ich Designerin werden möchte. Naiv und trotzdem gar nicht so falsch liegend glaubte ich, dass alles, was ich mir so vorstellte, im Designberuf Platz finden könnte. Der spätere Studiengang Lern- und Spielmitteldesign sollte dann meine erste Anlaufstelle zur Ausbildung werden: attraktiverweise war hier das Entwerfen sowohl handwerklich, interaktiv, humorvoll, als auch erzählerisch und illustrativ. So kam ich nach Halle (Saale) an die Burg Giebichenstein. Ab dem Hauptstudium drängte mich meine Entdeckerinnenlust zunehmend über die Grenzen eines zu eng gefassten Studienschwerpunktes hinaus.
Mit einem Diplom in Industriedesign schloss ich dann meine akademische Designausbildung ab, übe mich seither in der Selbständigkeit und vagabundiere akademisch umher. Der Master in Design Studies war ein weiterer Abschluss und der Beginn meines doppelten Berufsweges zwischen erwerbstätiger Designarbeit und reflexiv forschender Weiterbildung.



Was gefällt Dir ganz besonders am Designberuf ?

Die Definition dieses Berufs ist sehr dehnbar und die zu transformierenden Lebensweisen für Alltagspraktiken dadurch individuell deutbar. Das bietet viel Interpretationsraum für die persönliche Ausgestaltung der eigenen Tätigkeit.
Zwar werden diverse spezifische Anforderungen an die Berufsausübung gestellt (wie Programmkenntnisse, projektplanerische oder handwerkliche Fertigkeiten), diese kann ich aber umgehen, wenn ich Menschen finde, die meine Art der Berufsausübung anerkennen und mich damit auf den Beruf und die Gesellschaft Einfluss nehmen lassen:
Dieser Moment, wenn meine Konstruktion von Wirklichkeit zur Wirklichkeit anderer wird, wenn die Idee zündet oder man die Fehler und Probleme entdeckt, die es zu beheben gilt. Das sind die Feuer-Werke, die ich an dem Beruf mag.



Wo liegen derzeit Deine Arbeitsschwerpunkte und welche Tätigkeiten interessieren Dich darüber hinaus ?

Momentan: die kulturanthropologische Forschung. Meine gewagte Vorstellung von Berufsausübung resultiert vielleicht auch aus der Tatsache, dass ich erweiterte Berufsverständnisse im Design untersuche. Ein besonderer Fokus nimmt bei mir dabei die Rolle des Designers bzw. der Designerin in selbstorganisierten und losen Gruppenarbeitsprozessen ein. Wenn ich Ergebnisse nicht mehr im direkten Kaufakt bilanzieren kann, sondern meine Eingebundenheit in die Gruppe und meine Rolle darin zunehmend wichtig wird, wie kann ich dann damit meinen Erwerb bestreiten? Das wäre so ein Aspekt, der mich interessiert.
Nach wie vor arbeite ich aber auch entwerferisch, kann zwei- und dreidimensionale Daten aufbereiten und materiell und produktionstechnologisch zur Umsetzung begleiten.
Thematisch interessieren mich Organisationsstrukturen von Produkten, wie Distribution und Verteilung sowie die unterschiedlichen Logiken von Verbrauch, Gebrauch und Austausch.
Mich reizen die Schnittstellen zwischen technischen, politischen und individuellen Anforderungen, die für eine Umsetzung nötigen Aushandlungen, Austauschformate und Vermittlungsprozesse.



An welches Deiner Produkte/Projekte/Konzepte erinnerst Du Dich gerne und warum ?

Ich mag alle auf ihre Art – auch die unangenehmen. Diese haben mich immer weitergebracht: in dem was ich will, nicht will und wie ich es umzusetzen habe.
Sehr gerne mag ich noch immer mein Diplomprojekt Diacare, worin ich Kosmetik und Schönheitspflege als eine spielerisch-interaktive Beziehungs- und Körperpflege interpretiert habe. Knapp zehn Jahre später hätte ich Lust, es noch einmal völlig anders auszugestalten. Zwar gefallen mir die einzelnen Produkte noch immer, mittlerweile würde ich aber auch gerne Orte und Formate dafür gestalten.
Außerdem fand ich die Mitarbeit an dem einwöchigen Sharing-City-Berlin Festival 2014 sehr bereichernd. Unter dem Motto „Von der geteilten Stadt zur teilenden Stadt“ konnte ich an Bottom-up-Planungs-, Organisations- sowie Umsetzungsprozessen und den damit verbundenen Anforderungen an Design und Planung mitwirken und vieles daraus lernen. Ein Download zu online gestellten Materialien findet sich hier!




Kurz in die Atmosphäre von DiaCare abtauchen. Foto: Matthias Ritzmann


Neuwerk, Zeitschrift für Designwissenschaft; die vierte Ausgabe „Stille“ der gegenwärtigen HerausgeberInnen ist vor wenigen Tagen bei form+zweck erschienen: www.neuwerk-magazin.com


Neugestaltung einer Maschine: die ace 6 von Lohia Corp

Was inspiriert Dich ?

Eigentlich dekliniere ich am liebsten Situationen mit ihren unterschiedlichen Ausgangsmöglichkeiten comichaft in meinem Kopf durch. Ich sehe irgendetwas und nehme mir diesen Impuls, um meine Gedanken damit anzukurbeln. Außerdem finde ich Kochen, Backen und Gärtnern hervorragende Tätigkeiten, um machend die Gedanken schweifen zu lassen und sie dann neu zu sortieren.



Was macht für Dich die Qualität eines gut gestalteten Produktes aus ?

Die Qualität von Produkten, die ich selbst gestaltet habe, bringen mir Erfahrungen für die Qualitätssteigerung meiner Arbeit bei weiteren Produktumsetzungen. Die von anderen kann man leicht zur Kritik nutzen, aber auch gemeinsam in Erfahrungsaustausch treten. Die Qualität der gewählten Prozesse und die Haltung zu Qualität als eine sozial-ökologische Ästhetik sind für mich aber deutlich wichtiger. Qualität kann dabei u.a. eine pfiffige Konstruktion, eine souverän moderierte Aushandlung von einem Interessenkonflikt oder auch die visuelle Aufarbeitung von Wissen sein. Wie ich mit anderen Menschen, Technologien und überhaupt mit der Welt in Beziehung trete, ist für mich eine ästhetische Sichtbarmachung von Werten, Lebensweisen und Haltung, die vielschichtige Qualitäten bündelt und dadurch die Qualität besitzt, mich mit Gleichgesinnten und Gleichfühlenden zusammenzubringen.



Für welche gesellschaftlichen Ziele und Projekte interessierst Du Dich als Designerin oder als Privatperson ?

Ich wünsche mir ein postkapitalistisches Design, in dem ich und andere wirken können. Das geht einher mit einer sozial-ökologischen Umformung unsrer derzeitigen gesellschaftlichen Ordnung. Hier begegnet mir auch das Lern- und Spielmitteldesign wieder, denn ich merke, dass ich Menschen nicht mit meiner gewählten Wahrheit erziehen, sondern sie motivieren möchte, mir ihre Anerkennung durch Mitmachen zu schenken. Am liebsten engagiere ich mich, wenn für mich und andere Spaß und Freude überwiegen.



Welche Designerin schätzt Du besonders und was begeistert Dich an ihr ?

Pippi Langstrumpf, denn: „sie macht sich die Welt – widdewidde wie sie ihr gefällt“. Also um korrekt zu sein: ihre Designerin Astrid Lindgren. Sie hat mit ihren Erzählungen Generationen von Menschen in ihrem Selbstverständnis und ihren Lebensweisen beeinflusst. Das ist für mich Design, wie es sein sollte. Wobei ich damit natürlich auch ein Kind meiner Zeit bin und längst viele neue Geschichten die Kinder begeistern.
Schön finde ich Lindgrens Meinung zu Pippi: „Wenn Pippi Langstrumpf jemals eine Funktion gehabt hat, außer zu unterhalten, dann war es die, zu zeigen, dass man Macht haben kann und sie nicht missbraucht. Und das ist wohl das Schwerste, was es im Leben gibt.“ Was aber für jede Designerin gelten sollte: „Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie eines Menschen“. Und „Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern.“



Was tust Du noch gerne ?

Essen, Schlafen, Tanzen, Musik hören, gut erzählte Filme schauen, Gärtnern und Werkeln, mit Yoga etwas dehnen und bei langen Spaziergängen plaudern und/oder tief Luft holen.



Hast Du gerade einen tollen (Buch-)Tipp oder ein aktuelles "Fundstück" ?

In letzter Zeit lese ich vor allem wissenschaftliche Texte zu politischer Ökonomie, Kultursoziologie und empirischen Sozialforschung. Abseits dieses doch recht trockenen Lesevergnügens neige ich zu Onlineartikeln, Podcasts und Bilderblogs, die ich über Twitter, Facebook oder Youtube finde: z.B. Magazine wie boredpanda.com, enorm-magazin.de, vice.com, nerdcore.de, mitvergnuegen.com/40-days-of-eating, Satire wie extra 3 und neomagazin (royale) sowie online gestellte Tagungsvorträge, die mich interessieren und die ich dann entspannt zu Hause schauen kann. Da lässt sich meist was Anregendes oder Zerstreuendes finden.



Welchen Rat würdest Du heute Designerinnen zum Berufseinstieg geben ?

Anfangen, machen, weiter machen, ausfindig machen, abmachen, ausmachen, festmachen, freimachen, einfach machen.



Kontakt

www.ekstein.de

 



 
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